Mein heillos gebrochenes Herz.

Du
bist nicht tot, bist nur stumm
gegangen ohne ein Wort

Du,
ein zerrissenes Bündnis
ein plötzlich verschollener Ort

Du
warst die Burg, die ich liebte
die Heimat, die mich in sich barg

Du
warst der Held meiner Träume,
der vor meiner Liebe erschrak

Du
warst das Licht, das mich rettet
Dein Lächeln machte mich heil

Du,
verfolgt von den Schatten
der Angst, die uns schließlich entzweihte

Du
warst die ganz große Liebe
Du warst Wahrhaftigkeit

Du,
liebster Stein meines Anstoß
mein Glück und süßes Leid

Du
bist nicht tot, Du bist ewig
mein heillos gebrochenes Herz

Ich
verharre in leerer
Unendlichkeit, stark und versehrt

my lost big man

das Blau dieser Stunde.

Lass mir die Dunkelheit für meine Trauer
Lass mir die Trägheit, lass mir den Schmerz
Was soll mir das Licht sein, was helfen mir Worte?
Im Blau dieser Stunde birgt sich mein Herz

Der Tag geht vorüber, die Nacht wird noch kommen
Das Blau dieser Stunde ist weich wie der Schnee
und warm wie die Sonne, es senkt sich hernieder
umhüllt meinen Körper und lindert mein Weh

Das Licht bricht sich splitternd und grau an den Wänden
Zeigt Scherben eines vergangenen Tag´s
So lass mich bestaunen sein sterbendes Tanzen
Das Blau dieser Stunde schließt gleich seinen Sarg

Wie Staub auf der Linse verschwimmen die Schatten
Das Blau dieser Stunde frisst leise und kaut
bedächtig am Traum eines unruhigen Schlafes
und hat bald das letzte Trugbild verdaut

So lass mir die Dunkelheit für meine Trauer
Lass mich versinken im Jetzt und im Hier
Das Blau dieser Stunde wird grauer und grauer
Oh, Blau dieser Stunde, nimm mich mit Dir

Das Ende des Regenbogens.

Das Ende des Regenbogens ist eine Stufe, die rotgolden glitzert. Ich stolpere sie hinunter und falle auf mein Gesicht. Weil ich mich weigerte meine Hände zu benutzen, denn ich dachte, ich könnte noch fliegen. Doch meine Flügel sind abgeschnitten. Meine Flügel sind abgeschnitten.

Am Himmel formieren sich Vögel amöbenartig immer wieder neu. Etwas in mir sagt, ich könne es schön finden, auch ohne mein Herz. Doch an meinen Schultern zucken die verstümmelten Muskeln.

Das Blut in meinen Augen verschleiert den Blick. Ich renne vorwärts. Es fühlt sich an wie fliegen, wenn ich nur schnell genug renne. Und in meinem Nacken wispert der Regen. Er spricht von Angst und Versagen. Jeder Tropfen tut weh.

Aber heute stelle ich mich unter den strömenden Regen. Ich sehe ihm fest ins Gesicht. „Ja, Du tust weh!“ brülle ich ihn an. „Tu mir weh! Zerschlage meine Augen mit Deinen Fäusten, zerschlage meinen Mund.“ Und er schlägt auf mich ein. Bis das Blut von meiner Haut geflossen ist.

Das Ende des Regenbogens ist eine hohe, grausame Stufe. Und unter ihr liegen Erde, Steine und Staub. Unter ihr liegt das Leben, das nicht glitzert, sondern brodelt wie verschmorendes Fleisch.

Asche.

Wie Schäfchen steigen Wolken zum Himmel auf. An blauen Bändern tragen sie kleine Fleischstücke mit sich; Fetzen Deines traurigen Gesichtes. Versonnen sehe ich ihnen nach. Ein Abschied ist zauberhaft, wenn er ein Anfang ist.

Wo Du warst herrscht Ödnis; mageres Land, von der Sonne verbrannt, in dem selbst die Spießböcke lechzen. Ich schrubbe mein Herz mit Milch und Salz und nähre es mit Eisen. Zaghaft streckt es seine Fühler aus in die Weite und zuckt erschrocken zurück.

Mein Geist ist ein begieriger, doch störrischer Schüler. Immer wieder schaut er aus dem Fenster und versenkt sich im Anblick der Birkenkronen. Mit einem peitschenden Knall landet die Rute auf seinem Pult. Hier vorne, zischt es, wach auf. Betroffen senkt er den Blick.

Wie aus dichtem, dornigem Gestrüpp reißt man mich los. Teile bleiben zurück. Ich winke ihnen zum Abschied: Auf Wiedersehen, Milz, auf Wiedersehen, Ohr. Es blutet ein wenig, dort wo das Ohr war. Die Milz brauchst Du nicht, sagen sie.

Ich habe den Spiegel vor mir zerschlagen. Mit einem wilden Schrei. Und nun schaue ich in seine Scherben und sehe mich immer noch darin. Entsetzt starre ich in all diese Gesichter. Sie starren zurück, jedes aus einer anderen Richtung, starren sie mich an und warten. Sie warten, daß ich sie erkenne.

Musik, die aus dem Himmel schallt – traurige Töne, reißende Klänge und dazwischen: Freude. Fang an zu tanzen, rufen die Wolken, die Dein Gesicht getragen haben. Fang an zu tanzen, wie Gott Dich zu tanzen gelehrt hat.

Und lachend beginne ich zu tanzen. Ich tanze und auf mich herab fallen die Obsessionen meines Lebens in einem Regen aus Asche. Sie hüllen meinen nackten Körper in graue Ascheschichten ein. Und ich liebe sie.

Meine Liebe ist bodenlos.

Sterbende Käfer.

Auf dem Leder der Autositze
sammeln sich Regentropfen,
traurig,
wie sterbende Käfer.

Und mit brennenden Augen
schaue ich hilflos
auf die Eintönigkeit meiner Worte.

Wo Du warst, glüht die Erde,
zerfällt zu Asche und
kein Wort
findet Wasser und Brot.

Verloren ist mein Geist
in den Tiefen Deines Meeres,
glücklos versunken
zwischen Fischen und Tang.

Und an meiner Brust,
trage ich Engel für Dich
und betrachte sie täglich
mit Liebe.

Eines Tages,
wenn meine Haut sie verschlingt,
will ich mein Schicksal beschließen
und im Wald
um Dich weinen.

Schneeschwalben.

Wenn der Himmel sich bricht
über Erde und Meer
ist die Welt nur ein Bogen
um mein Herz, das sich schwer
betrübt und betrogen
dem Leben ergibt
das es nährt, das es liebt.

Wie ein Vogel am Himmel
sich ziert und gebiert
und verunglückt im Flug
durch den Wind, der verirrt
in der Welt sich verliert
weil ein Auto am Wege
ganz ohne Gefühl
auf die Welt schaut und stirbt,

so betrachte ich müßig
dein schönes Gesicht
ohne Glaube an Nachsicht
ohne Glaube an Dich
ohne Angst oder Schrecken
nur verzweifelt erpicht
auf ein Wort und ein Lächeln
in deinem schönen Gesicht.

Es ist Sommer, es schneit
und die Welt ist beglückt
kann nicht fassen, daß sie
soviel Weisheit berückt
und sie strahlt aus den Fugen
im Horizont
mit der Liebe, die einst
mal ein Gott erfand.

Ich begreife so langsam
um was es ihm ging
diesem Gott, der mich schuf
und den Fehler beging
mich zu lehren, wie ich
den Teufel erschlage
denn am Ende blieb nichts
als des Erzengels Klage,
der sich mühsam das Fechten
lehrte.

Ich versinke in Armut
um mich herum
singe Lieder, die einmal
ein Arbeiter sung,
der viel trank und das Leben
verfluchte.
und ich suche den Himmel
nach Schneeschwalben ab
und versinke, versinke
versinke.

Und am Ende, am Ende
da segne ich dich
ich streichle verzückt
dein schönes Gesicht.
Und im Rausch meiner Armut
beglücke ich Dich
und verspreche, verspreche
ich liebe Dich nicht.

Iberia.

Der Typ hinter mir kam mir unangenehm nahe. Ich hatte das Gefühl seinen Schweiß in meinem Nacken zu spüren. Er atmete schwerer als andere. Ich stellte meinen Kaffee auf die Anrichte und bestellte ein Brötchen und Zigaretten dazu. „Verpflegung für unterwegs, wie!?“ hörte ich eine dumm-dreiste Stimme hinter mir. Der Typ grinste blöde. Seine weiße Trainingsjacke war verdreckt. Ich ignorierte ihn, bezahlte meine Ware und verließ flüchtend die Tankstelle. In meinem Auto sitzend fühlte ich mich wieder sicherer. Ich startete, bog nach links und fuhr die Straße Richtung Autobahn hinauf. An der Ampel dreihundert Meter vor der Auffahrt öffnete ich meinen Kaffee, steckte mir eine Zigarette an und freute mich auf die letzte halbe Stunde Einsamkeit bis zum Abend. Die Ampel sprang auf grün. Ich stellte meinen Kaffee in den Getränkehalter und fuhr los. Die Welt war dort draußen und ich hier drin. Das Auto kannte den Weg. Ich konnte mich zurücklehnen und entspannen. Als ich die Autobahnauffahrt hochbog, las ich irritiert den Richtungspfeil: „Iberia“. Wo hatte ich hingewollt?

Ich löschte die Zigarette im Aschenbecher. Die Straße auf der ich fuhr, war spaliert von engstehenden, hohen, bleichen Häusern, pastellfarben, aber trist. Es waren keine Menschen unterwegs. Ich und mein Auto waren allein. Ich stieg aus um mich umzusehen. Ein entsetztes Schreien ließ mich herumfahren. „Laufen Sie, nun laufen Sie schon!“ Ein Mann mittleren Alters in grauem Anzug kam auf mich zugestürmt, hinter ihm eine blonde Frau mit verzerrtem Gesicht. Sie war in ein grelles, pinkfarbenes Kostüm gekleidet, daß sich erschrecken von der farblosen Umgebung abzeichnete. Der Mann nahm mich an den Schultern und stieß mich in einen Hauseingang. Eine steile Rolltreppe erhob sich vor mir. „Hoch, hoch. Los!“ ächzte er. Ich stieg auf die Treppe, der Mann schob sich hinter mir her. Die Frau schrie verzweifelt. Als ich mich umdrehte, packte mich eisiges Entsetzen und die Angst stieß mir wie eine Faust in die Magengrube. Das Gesicht der Frau war unmenschlich verzerrt. Ihr Mund war geöffnet wie das Maul eines Löwen und Speicheln und Schaum verschmierten ihre Lippen. Ich wollte losrennen, doch der Mann hielt mich fest. „Sie kommt nicht hier rein.“ Dann nahm er meinen Kopf zwischen die Hände, drängte seine Finger zwischen meine Lippen und spritzte mir wütend in den Mund.

Ich kam schmutzig und verloren wie ein streunender Hund am Ende der Rolltreppe an. Vor mir erstreckte sich eine Halle, groß, voller Menschen und kühl wie ein Flughafenportal. An Schaltern links der Treppe bildeten sich lange Menschenschlangen. Der Mann von der Rolltreppe war verschwunden. Ich setzte mich erschöpft auf eine Bank am Fenster, einen wässrigblauen Himmel im Rücken. Am anderen Ende der Bank, in eine Ecke gekauert saß ein Mann, dicklich, der abwechselnd jung und alt aussah. Seine kurzen, schwarzen Haare  wirkten verwirrend zu dem langen, grauweißen Vollbart, der immer wieder verschwand und den Blick auf ein rundliches, gutmütiges Gesicht freigab. Ich fühlte mich nackt und ausgeliefert. Als ich die Arme schützend um mich schlang, nahm der Fremde  Notiz von mir. Er zog die graue Decke von seinen Schultern und gab sie mir. Dankbar nahm ich sie und lächelte. In dem Moment verschwand der Bart wieder und ich erkannte den Mann. Nur hatte ich ihn immer feiner gekleidet, als in den zerfetzten Lumpen eines Penners gesehen. „Du solltest da nicht so alleine sitzen,“ murmelte er. In dem Moment bemerkte ich die schwüle Hitze, die nach Körpersäften stinkende Luft, aufgeladen von irren Gelüsten. Ich rutschte zu ihm. Er legte seinen Arm um mich und erklärte mir, daß die Menschen an den Schaltern sich registrieren ließen. Ich wusste, daß auch ich zu einem Schalter musste, aber er nahm meinen Arm und sagte: „Komm mit mir.“

Er führte mich in seine Wohnung. Sie war mit grauem Beton ausgelegt. Im Flur saßen Leute auf einer Bank und schienen auf etwas zu warten. In der schmuddeligen Küche hantierte ein Mann in Uniform mit einem Gerät an einem anderen Mann herum, der zurückgebeugt und festgebunden auf einem Stuhl saß. Der Sitzende stöhnte leise und murmelte vor sich hin als bete er.
Mein Begleiter führte mich in sein Schlafzimmer. Es war schmutzig und klein. Ein schmales Bett stand an der Wand, bezogen mit einem gräulich-weißen, blaugepunkteten Stoff. Er legte mich aufs Bett und zog mir die Kleider aus. Vorsichtig strich er über meine Beine. Erst versanken seine Finger in mir und dann seine ganze Gestalt und es war so wunderbar liebevoll und schön, daß ich glaubte Gott selber hätte seine Arme um mich gelegt. Lange Zeit verbrachten wir in diesem Bett. Immer wieder schliefen wir miteinander und danach fragte er mich, ob ich ihn heiraten wolle. Ich sagte ja. Wir lagen da und blickten auf die Decke über uns. Ich wollte ihn wieder berühren, doch er sagte, das dürften wir nun nicht mehr tun. Dann stand er auf und zeigte mir ein Bild. Auf dem Bild standen Soldaten in grün-roter Uniform in mehreren Reihen halbkreisförmig um einen quadratischen, hellgrauen Steinblock herum. „Ich bin Soldat,“ begann er. „Morgen werde ich zur Prozession gehen. Wir ziehen in den Krieg.“ „Gegen was kämpft ihr?“ fragte ich. „Gegen den Braunen.“ Ich dachte an Bauern mit Forken und Fackeln, Erde im Gesicht und lederne Schurze um den Leib. „Wann wirst Du wiederkommen?“ Er antwortete nicht, sagte nur „Ich muss meiner Pflicht folgen. Die Prozession ist sehr wichtig.“ Nach langem, verbissenem Schweigen, wollte er mich wegbringen. „Ich bring Dich in Sicherheit.“

Wir fuhren zu einem Heim. Hier gab es viele Zimmer und lange Flure. Der Boden und die Wände waren aus kahlem Stein, die wenigen Möbel aus billigem, blassen Holz. Ein paar Mädchen liefen herum, in farblosen Kleidern, die graublonden Haare hochgesteckt. Sie lächelten gefühllos und blickten ohne Augen die Wände an. Eine Frau, die sich von den Mädchen nur durch eine reifere Ausstrahlung unterschied, empfing uns. „Ich werde mich um sie kümmern. Hier ist sie gut aufgehoben,“ sagte sie hastig zu meinem Verlobten und zog mich mit sich. Mein Zimmer sah aus wie sein Schlafzimmer. Ein schmales Bett, dieselbe Bettwäsche, mehr nicht. Die Frau ließ mich allein. Als sie die Tür hinter sich zuzog, meinte ich das Klicken eines Schloß‘ zu hören. Ich legte mich auf das Bett, streckte Arme und Beine von mir. Durch das Fenster fiel gräuliches Tageslicht. Ich sah eine Tanne. Dunkelgrün. Verloren. Mein Blick wanderte zur Decke. Und so lag ich da. So einsam, daß sich die Decke um meinen Körper anfühlte wie kalte Wolken. Wolken, die mich für immer gefangen hielten zwischen Himmel und Erde, regennass, schmutzig-weiß und blaugepunktet, mit Löchern aus denen grinsend die Maden krochen.

Mein Schatz.

Ich habe das Meer berührt.

An einem Strand,
hinter einer trüben Promenade
und ein paar Schafen,
nur einzelnen Rentnern mit Hunden,
saß ich und habe das Meer berührt.

Und wie ich da saß
und mein Bauch schmerzte,
vor soviel Tristesse,
grub ich nach einem Schatz.

Ich fand ihn,
keine zwei Handbreit  tief
im Sand.

Ein Stein,
blank geleckt vom Meer.

Ein Diamant,
wenn man ihn putzt.

Ich putzte und dachte:
„da sitze ich hier,
wo ich nicht hingehöre.“

Doch das Meer ist schön,
wo immer es sich zeigt
und ich habe einen Schatz gefunden,
nur eine Handbreit tief
vergraben.

Und überall im Sand
stand Dein Name,
mit dem Finger geschrieben.

Der Strand hat ihn sich gemerkt.

Und um meinen Schatz gewickelt,
warf ich ihn ins Meer,
damit es ihn mitnimmt
in die Unendlichkeit.

Doch Dein Name kam zu mir zurück.

Und so sah ich teilnahmslos zu,
wie die Gischt mit ihm spielte.