Schattenblick.

Schaue mich an
Rühre mich an
Schlag Deine Zähne in meine Seele
Leg Deine Hände
an meine Seiten
Zupf meine Worte aus meiner Kehle

Halte mich fester als Eisen

Schaue mich an
Schneide mich auf
Lege Dein Messer an meinen Bauch
Zerre an mir
Pflücke mein Innres
aus meinem Leib wie Beeren vom Strauch

Schlage in mir Deine Schneisen

Schaue mich an
Schau meine Zunge
Wie sie sich müht und schmerzhaft sich plagt
Wie sie sich windet
vor Deinen Augen
Ziehe die Silben aus mir jeden Tag

Wie Knoten aus einem Netz

Schaue mich an
Schaue nicht weg
Höre nicht auf mich anzublicken
Fasse mein Fleisch
Greif meine Seele
Schau nur wie wild meine Glieder zucken

als hättest Du sie unter Strom gesetzt

Schaue mich an
Gib mir zu Essen
Der Hunger nach Dir zerrt und reißt an mir
Nach Deiner Angst
Und Deinen Wunden
Sie locken mich an wie ein verlassenes Tier

bevor es sich vor Dir erschrickt

Schaue mich an
Rühre mich an
Halte mich fest in Deinem Griff
Gehe nicht weg
Schau wie ich brenne
Schau wie ich leide, wenn Du mich triffst

mit Deinem Schattenblick

Harm oder der Mann, den ich liebte.

Wach auf Labelle, nun wach doch auf. In einer Stunde mußt Du wieder eingeschlafen sein. Ich möchte Dir etwas zeigen. Werde endlich wach! Es ist soviel passiert, seit Du eingeschlafen bist. Du mußt den Schmetterling in Laras Auge sehen. Er wohnt dort. Vor einigen Tagen noch war er eine Raupe, die aus ihrem Kopf gekommen ist. Ich glaube, Lara hat viele Raupen im Kopf. Bestimmt ist bald der ganze Raum voller Schmetterlingen. Labelle, Du mußt aufwachen und ihn anschauen. Er ist wunderschön, grün und gelb. Er paßt so gut zu ihren Haaren und ihrer Haut. Harm gefällt er auch. Er sagt, Lara sei nun viel hübscher als vorher. Wenn Du nicht bald aufwachst, wirst Du alles verpassen. Dann mußt Du weiterschlafen ohne Lara gesehen zu haben. Ich möchte Dir doch auch noch so viel erzählen. Harm nimmt mich jetzt öfter zu sich nachts, wenn er nicht bei Dir sitzt. Lara beachtet er kaum. Nur manchmal streicht er ihr über den Kopf. Ich glaube, er freut sich, daß sie so gut aussieht, neben dem Klavier. Und daß es endlich ruhig ist. Ich rede nicht viel. Wenn er bei Dir sitzt, lese ich und rauche. Das mag ich. Er akzeptiert dann auch keinen Lärm. Nicht einmal ein Wort. Er sitzt nur da und hält seine Hand über Dein Gesicht, als müsse er Dich beschützen.

Ich vermisse Dich, Labelle. Wir hätten soviel zu bereden. Warum wachst Du nicht wenigstens auf, wenn er weg ist? Er würde es doch gar nicht merken. Nun höre ich ihn husten vor der Tür. Gut, daß Du schläfst.

Daß wir drei den gleichen Mann lieben, war nicht geplant. Aber sein Angebot war so großzügig, daß es unmöglich war es auszuschlagen. Er ließ uns alle bei sich wohnen. Eine durchschnittliche Wohnung am Stadtrand, ein wenig dunkel, souterrain und karg möbliert. Das machte uns nichts aus, solange wir bei ihm sein konnten. Wir hatten alle unser eigenes Zimmer, er versorgte uns mit Essen und Geld für Kleidung oder um auszugehen. Er hatte nicht viel davon, aber er tat es wohl gern, weil er uns ebenfalls alle drei liebte. Labelle war wahrhaftig und schön. Zu sanft für diese Welt und dabei so sicher in ihrer allumfassenden Güte, daß keiner es wagte, ihr zu widersprechen. Er bewunderte sie für diese stetige Zärtlichkeit, mit der sie ihrer Umwelt begegnete. Lara war vor allen Dingen hübsch und liebenswert. Ein wenig anstrengend, nicht besonders klug, aber immer lustig. Ich glaube, sie war die Normalste von uns. Und deshalb paßte sie auch nie ganz dazu. Und ich: Tja, ich war wohl immer die Robusteste. Er wußte, daß er sich auf meine Stärke verlassen konnte. Und deshalb schonte er mich nicht.

Eine Zeitlang gingen wir drei Frauen regelmäßig aus oder in die Stadt, um einzukaufen. Wir genossen den Luxus, von einem Mann ernährt zu werden und pflegten eine angenehme Freundschaft. Labelle war mir dabei besonders ans Herz gewachsen, aber das war auch nicht schwer, denn immerhin glich sie einem Engel, in Wesen und Äußerem. Er sah großzügig über unseren Müßiggang hinweg und erfreute sich an unseren Erzählungen beim Abendessen.

Doch eines Abends wurde alles anders. Es war der Abend, an dem Labelle einschlief. Wir waren gemeinsam in unserem Lieblingscafe, tranken Cocktails, rauchten und alberten mit irgendwelchen Typen herum. Labelle trank etwas zuviel, was sie selten tat und es kam, daß sie auf einmal verschwunden war. Wir suchten sie eine Weile, beschlossen dann nach Hause zu fahren, da sie alt genug war, um auf sich alleine aufzupassen. Er sah uns durch die Tür kommen und erstarrte: „Wo ist Labelle?“ „Wir wissen es nicht.“, antwortete ich.  Noch während wir uns ratlos ansahen, schien ein Scheinwerfer ins Fenster. Vor dem Fenster stolperte eine leicht zerwühlte Labelle aus einem Auto heraus. Er drehte sich um zu mir, leichenblaß. Dann fing er an mich anzuschreien. Er schrie, daß  ich sie hätte beschützen müssen, wie ich so etwas zulassen konnte. Und er schlug mich, immer weiter, bis ich vor der Tür meines Zimmers zusammenbrach.

Am nächsten Morgen fand ich Lara verzweifelt vor Labelles Bett. Sie schüttelte sie und weinte. „Wach auf, Labelle, wach bitte auf.“ Ich trat zu ihr ans Bett. „Was ist mit ihr?“ „Sie schläft, sie schläft einfach immer weiter!“ Er kam hinein und scheuchte uns davon. Wir rätselten den ganzen Morgen, was mit Labelle sein konnte, daß sie partout nicht aufwachte. Er saß den ganzen Tag an ihrem Bett. Gegen Abend rief er mich. Ich sollte ihm helfen, das Bett ins Wohnzimmer zu tragen, damit wir immer beieinander sein konnten. So kam es. Labelle lag in ihrem Bett und schlief. Ich las und rauchte und Lara stand unruhig am Fenster. Wir wollten nicht ausgehen, sondern bei Labelle bleiben, falls sie aufwachen sollte. Er saß ruhig bei ihr und sah sie an.

Lara hielt die Ruhe nicht mehr aus. Sie fing an zu fragen, was mit Labelle passiert sei, warum sie nicht erwachte, was in der vergangenen Nacht vorgefallen sei. Er hielt sie immer wieder an, ruhig zu sein, aber Lara ertrug die Situation nicht mehr. Sie fing an zu kreischen und um sich zu schlagen. Er stand auf, schrie mich an, ich solle Lara in ihr Zimmer bringen und selber in meines gehen; er wolle mit Labelle alleine sein. Ich tat, was er sagte und las in meinem Zimmer weiter, nachdem ich Lara in ihrem eingeschlossen hatte, denn dort bleiben, wollte sie freiwillig nicht.

So vergingen die Tage. Lara schrie und zeterte, bis sie eingeschlossen wurde und auch dann hörte sie nicht auf. Ich las meine Bücher und rauchte und wartete jeden Tag darauf, daß Labelle aufwachte. Er saß nur bei ihr und sprach mit niemandem von uns. Er trug mir auf, mich um Lara zu kümmern, Essen für uns zu kochen oder einzukaufen. Ich tat alles, wie er es wollte, denn ich hoffte, meine Schuld, die ich zweifelsohne an Labelles Zustand hatte, dadurch ein wenig lindern zu können.

Eines Abends kam er in mein Zimmer. Er trug etwas in der rechten Hand, was nicht ganz leicht aussah und ich dachte, er würde wieder meine Hilfe bei der Hausarbeit erbitten. Das Licht war schummrig, denn ich hatte nur eine Leselampe an, unter der ich saß. Er trat näher und langsam erkannte ich, daß das Ding, das er in der Hand hielt tropfte. „Was hast Du da?“, fragte ich. „Fällt Dir nichts auf?“, erwiderte er. Ich zuckte die Schultern. „Es herrscht Ruhe.“, sagte er. Ich richtete den Lichtkegel auf ihn. Sein Gesicht war wie immer, vielleicht ein wenig ermüdet. Mein Blick wanderte seinen Arm hinunter. In der Hand hatte er Haare. Strohblond. Daran baumelte der schwere, blutende Kopf eines Menschen. Ich verstand nicht, was das war oder sein sollte. „Was ist das?“ fragte ich, irgendwie gedankenverloren. Ich betrachtete den Kopf: das verzerrte Gesicht, die aufgerissenen, aber stumpfen Augen, herabfallende Lippen und die blutigen Hautfetzen am Hals. „Das ist Lara.“, antwortete er und drehte sich um. „Komm, ich brauch Deine Hilfe.“

Ich konnte seine Entscheidung verstehen. Lara paßte in ihrer quirligen, kindischen Art nie ganz zu uns. Aber sie hatte ein bildhübsches Gesicht. Wir montierten den Kopf auf einem Zaunpfahl und stellten ihn auf einer Betonplatte ins Wohnzimmer. Den restlichen Körper ließ er irgendwie und irgendwann verschwinden. Er bat mich nicht um Hilfe dafür. Da ich schweigsam war, durfte ich von  nun an im Wohnzimmer bleiben. Und so saß ich da, in meinem Sessel und rauchte und las und Labelle schlief und Lara schwieg. Es war gemütlich, aber es begann auch an mir zu nagen. Er saß bei Labelle und immer wieder sah  ich aus den Augenwinkeln seine Hand, die vorsichtig und in einer Geste grenzenloser Zärtlichkeit ihr Gesicht streichelte. Ab und zu nahm er mich zu sich. Ich schlief mit ihm und wünschte mir nur, er würde mich einmal so streicheln wie Labelle.

Wenn er fort war, bat ich Labelle zu erwachen, damit ich nicht mehr so alleine war. Ich wußte, daß er ihr Schlafmittel gab, damit sie nicht aufwachte und ich wußte, daß er sie vor allem so sehr liebte, weil sie schlief. Nicht einmal die tote Lara liebte er so sehr. Natürlich liebte er auch mich, aber doch war ich zu lebendig, zu echt, zu geerdet, um eine solch himmlische Liebe zu erfahren, wie Labelle sie von ihm erhielt.

Eines Nachts warf er mich aus seinem Zimmer. Ich hatte, nachdem wir miteinander geschlafen hatten, eine Zigaretten angezündet. Er sah mich eine Weile an. Dann sagte er, ich sei ein würdeloses Objekt und zog mich am Arm aus dem Bett, über den Boden, bis aus dem Raum hinaus. Vor der Tür ließ er mich los. Ich blieb liegen. Wie ein toter Körper. Ich begriff nicht, was in ihm vorging, was er wünschte, wonach er sich so sehr sehnte, daß er tagelang am Bett der schlafenden Labelle saß und seine Hand über sie hielt? Und das machte mir Angst.

Ich wollte nicht länger mit ansehen, wie wir alle vier dahinvegetierten und auf etwas warteten. Ich wollte nicht länger darauf warten, daß Labelle erwachte und es werden würde wie früher. Labelle würde nicht mehr erwachen und er würde mich niemals so lieben wie sie. Ich holte die Axt aus dem Keller, die er sorgfältig gereinigt hatte und ging ins Wohnzimmer. Er hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Es war stockfinster in der Wohnung, denn durch die schmalen Kellerfenster drang kaum Licht. Ich gab Labelle einen Kuß und sagte ihr, wie sehr ich sie vermißt hatte. Dann holte ich aus. Es spritzte nicht so sehr, wie ich erwartet hatte. Ich nahm den abgeschlagenen Kopf in die eine Hand, holte Laras Kopf vom Zaunpfahl und stapfte mit beiden Köpfen in den Garten. Benzin hatten wir im Keller, Feuer hatte ich immer bei mir. Das Licht lockte ihn an, aber als er den Garten betrat, war ich schon einige Häuser weiter, auf dem Weg nach Hause.

Ich konnte gut ein Leben ohne ihn anfangen. Nichts liegt dem Menschen besser als Dinge zu verdrängen, die in ihm spuken. Ich fand einen Job und um nicht an ihn zu denken, arbeitete ich soviel, daß ich bald von beruflichem Erfolg sprechen konnte. Ich begann zu malen. Immer malte ich dasselbe Bild: Eine schlafende Frau im Vordergrund, über ihr eine Männerhand, den Zeigefinger ausstreckend, der Nase entgegen für eine leichte, zarte Berührung. Etwas weiter hinten eine weitere Frau, auf einem Sessel ausgestreckt, lesend und rauchend, umgeben von einem Hauch der Gleichgültigkeit, die ich mir immer gewünscht hatte und im Hintergrund ein verwesender Frauenkopf auf einem Zaunpfahl, einen Schmetterling im rechten Augen. Die Bilder stapelten sich in meinem Kopf, also stapelte ich sie in meinem Zimmer.

Eines Abends im Büro, klopfte es an meine Tür. Eine junge Frau, ein wenig vulgär, aber hübsch trat ein und sagte fragend meinen Namen. Ich nickte. „Harm ist hier und möchte Dich mitnehmen.“, sagte sie. Ich sah sie erstarrt an. „Was will er von mir?“ Was will er von Dir, ging mir durch den Kopf. Du bist doch noch dümmlicher als Lara. Er wird Dich köpfen, ehe Du Dich versiehst. „Er sagt, Du hast ihm zwei Köpfe verbrannt, einen lebenden und einen toten und nun will er Deinen als Ersatz.“. Sie kicherte so blöd wie sie aussah. Ich hatte schreckliche Angst. Dann kam er durch die Tür. Ich hatte keine Zeit ihn anzusehen, zu spüren wie Schmerz und Liebe gleichzeitig durch meinen Körper zuckten, denn die Angst war so groß, daß ich nicht einmal mehr schreien konnte. Ich wollte aufstehen und loslaufen, doch er packte mich, schnitt mit einem Messer in meinen Hals, ich schrie nun doch, riß mich los und rannte ins Nachbarbüro. Ich wußte, daß ich höchstwahrscheinlich in eine Falle gelaufen war, denn die Tür nach draußen war hier vermutlich versperrt. Dennoch riß ich an ihr und sie ging auf. Ein Wunder oder nicht. Ich lief nach draußen, schrie und lief Dir in die Arme. Zum ersten Mal erfuhr ich Normalität. Du packtest mich und ich weinte und schrie „Beschützen Sie mich, beschützen Sie mich!“

Iberia.

Der Typ hinter mir kam mir unangenehm nahe. Ich hatte das Gefühl seinen Schweiß in meinem Nacken zu spüren. Er atmete schwerer als andere. Ich stellte meinen Kaffee auf die Anrichte und bestellte ein Brötchen und Zigaretten dazu. „Verpflegung für unterwegs, wie!?“ hörte ich eine dumm-dreiste Stimme hinter mir. Der Typ grinste blöde. Seine weiße Trainingsjacke war verdreckt. Ich ignorierte ihn, bezahlte meine Ware und verließ flüchtend die Tankstelle. In meinem Auto sitzend fühlte ich mich wieder sicherer. Ich startete, bog nach links und fuhr die Straße Richtung Autobahn hinauf. An der Ampel dreihundert Meter vor der Auffahrt öffnete ich meinen Kaffee, steckte mir eine Zigarette an und freute mich auf die letzte halbe Stunde Einsamkeit bis zum Abend. Die Ampel sprang auf grün. Ich stellte meinen Kaffee in den Getränkehalter und fuhr los. Die Welt war dort draußen und ich hier drin. Das Auto kannte den Weg. Ich konnte mich zurücklehnen und entspannen. Als ich die Autobahnauffahrt hochbog, las ich irritiert den Richtungspfeil: „Iberia“. Wo hatte ich hingewollt?

Ich löschte die Zigarette im Aschenbecher. Die Straße auf der ich fuhr, war spaliert von engstehenden, hohen, bleichen Häusern, pastellfarben, aber trist. Es waren keine Menschen unterwegs. Ich und mein Auto waren allein. Ich stieg aus um mich umzusehen. Ein entsetztes Schreien ließ mich herumfahren. „Laufen Sie, nun laufen Sie schon!“ Ein Mann mittleren Alters in grauem Anzug kam auf mich zugestürmt, hinter ihm eine blonde Frau mit verzerrtem Gesicht. Sie war in ein grelles, pinkfarbenes Kostüm gekleidet, daß sich erschrecken von der farblosen Umgebung abzeichnete. Der Mann nahm mich an den Schultern und stieß mich in einen Hauseingang. Eine steile Rolltreppe erhob sich vor mir. „Hoch, hoch. Los!“ ächzte er. Ich stieg auf die Treppe, der Mann schob sich hinter mir her. Die Frau schrie verzweifelt. Als ich mich umdrehte, packte mich eisiges Entsetzen und die Angst stieß mir wie eine Faust in die Magengrube. Das Gesicht der Frau war unmenschlich verzerrt. Ihr Mund war geöffnet wie das Maul eines Löwen und Speicheln und Schaum verschmierten ihre Lippen. Ich wollte losrennen, doch der Mann hielt mich fest. „Sie kommt nicht hier rein.“ Dann nahm er meinen Kopf zwischen die Hände, drängte seine Finger zwischen meine Lippen und spritzte mir wütend in den Mund.

Ich kam schmutzig und verloren wie ein streunender Hund am Ende der Rolltreppe an. Vor mir erstreckte sich eine Halle, groß, voller Menschen und kühl wie ein Flughafenportal. An Schaltern links der Treppe bildeten sich lange Menschenschlangen. Der Mann von der Rolltreppe war verschwunden. Ich setzte mich erschöpft auf eine Bank am Fenster, einen wässrigblauen Himmel im Rücken. Am anderen Ende der Bank, in eine Ecke gekauert saß ein Mann, dicklich, der abwechselnd jung und alt aussah. Seine kurzen, schwarzen Haare  wirkten verwirrend zu dem langen, grauweißen Vollbart, der immer wieder verschwand und den Blick auf ein rundliches, gutmütiges Gesicht freigab. Ich fühlte mich nackt und ausgeliefert. Als ich die Arme schützend um mich schlang, nahm der Fremde  Notiz von mir. Er zog die graue Decke von seinen Schultern und gab sie mir. Dankbar nahm ich sie und lächelte. In dem Moment verschwand der Bart wieder und ich erkannte den Mann. Nur hatte ich ihn immer feiner gekleidet, als in den zerfetzten Lumpen eines Penners gesehen. „Du solltest da nicht so alleine sitzen,“ murmelte er. In dem Moment bemerkte ich die schwüle Hitze, die nach Körpersäften stinkende Luft, aufgeladen von irren Gelüsten. Ich rutschte zu ihm. Er legte seinen Arm um mich und erklärte mir, daß die Menschen an den Schaltern sich registrieren ließen. Ich wusste, daß auch ich zu einem Schalter musste, aber er nahm meinen Arm und sagte: „Komm mit mir.“

Er führte mich in seine Wohnung. Sie war mit grauem Beton ausgelegt. Im Flur saßen Leute auf einer Bank und schienen auf etwas zu warten. In der schmuddeligen Küche hantierte ein Mann in Uniform mit einem Gerät an einem anderen Mann herum, der zurückgebeugt und festgebunden auf einem Stuhl saß. Der Sitzende stöhnte leise und murmelte vor sich hin als bete er.
Mein Begleiter führte mich in sein Schlafzimmer. Es war schmutzig und klein. Ein schmales Bett stand an der Wand, bezogen mit einem gräulich-weißen, blaugepunkteten Stoff. Er legte mich aufs Bett und zog mir die Kleider aus. Vorsichtig strich er über meine Beine. Erst versanken seine Finger in mir und dann seine ganze Gestalt und es war so wunderbar liebevoll und schön, daß ich glaubte Gott selber hätte seine Arme um mich gelegt. Lange Zeit verbrachten wir in diesem Bett. Immer wieder schliefen wir miteinander und danach fragte er mich, ob ich ihn heiraten wolle. Ich sagte ja. Wir lagen da und blickten auf die Decke über uns. Ich wollte ihn wieder berühren, doch er sagte, das dürften wir nun nicht mehr tun. Dann stand er auf und zeigte mir ein Bild. Auf dem Bild standen Soldaten in grün-roter Uniform in mehreren Reihen halbkreisförmig um einen quadratischen, hellgrauen Steinblock herum. „Ich bin Soldat,“ begann er. „Morgen werde ich zur Prozession gehen. Wir ziehen in den Krieg.“ „Gegen was kämpft ihr?“ fragte ich. „Gegen den Braunen.“ Ich dachte an Bauern mit Forken und Fackeln, Erde im Gesicht und lederne Schurze um den Leib. „Wann wirst Du wiederkommen?“ Er antwortete nicht, sagte nur „Ich muss meiner Pflicht folgen. Die Prozession ist sehr wichtig.“ Nach langem, verbissenem Schweigen, wollte er mich wegbringen. „Ich bring Dich in Sicherheit.“

Wir fuhren zu einem Heim. Hier gab es viele Zimmer und lange Flure. Der Boden und die Wände waren aus kahlem Stein, die wenigen Möbel aus billigem, blassen Holz. Ein paar Mädchen liefen herum, in farblosen Kleidern, die graublonden Haare hochgesteckt. Sie lächelten gefühllos und blickten ohne Augen die Wände an. Eine Frau, die sich von den Mädchen nur durch eine reifere Ausstrahlung unterschied, empfing uns. „Ich werde mich um sie kümmern. Hier ist sie gut aufgehoben,“ sagte sie hastig zu meinem Verlobten und zog mich mit sich. Mein Zimmer sah aus wie sein Schlafzimmer. Ein schmales Bett, dieselbe Bettwäsche, mehr nicht. Die Frau ließ mich allein. Als sie die Tür hinter sich zuzog, meinte ich das Klicken eines Schloß‘ zu hören. Ich legte mich auf das Bett, streckte Arme und Beine von mir. Durch das Fenster fiel gräuliches Tageslicht. Ich sah eine Tanne. Dunkelgrün. Verloren. Mein Blick wanderte zur Decke. Und so lag ich da. So einsam, daß sich die Decke um meinen Körper anfühlte wie kalte Wolken. Wolken, die mich für immer gefangen hielten zwischen Himmel und Erde, regennass, schmutzig-weiß und blaugepunktet, mit Löchern aus denen grinsend die Maden krochen.