Mein heillos gebrochenes Herz.

Du
bist nicht tot, bist nur stumm
gegangen ohne ein Wort

Du,
ein zerrissenes Bündnis
ein plötzlich verschollener Ort

Du
warst die Burg, die ich liebte
die Heimat, die mich in sich barg

Du
warst der Held meiner Träume,
der vor meiner Liebe erschrak

Du
warst das Licht, das mich rettet
Dein Lächeln machte mich heil

Du,
verfolgt von den Schatten
der Angst, die uns schließlich entzweihte

Du
warst die ganz große Liebe
Du warst Wahrhaftigkeit

Du,
liebster Stein meines Anstoß
mein Glück und süßes Leid

Du
bist nicht tot, Du bist ewig
mein heillos gebrochenes Herz

Ich
verharre in leerer
Unendlichkeit, stark und versehrt

my lost big man

Schattenblick.

Schaue mich an
Rühre mich an
Schlag Deine Zähne in meine Seele
Leg Deine Hände
an meine Seiten
Zupf meine Worte aus meiner Kehle

Halte mich fester als Eisen

Schaue mich an
Schneide mich auf
Lege Dein Messer an meinen Bauch
Zerre an mir
Pflücke mein Innres
aus meinem Leib wie Beeren vom Strauch

Schlage in mir Deine Schneisen

Schaue mich an
Schau meine Zunge
Wie sie sich müht und schmerzhaft sich plagt
Wie sie sich windet
vor Deinen Augen
Ziehe die Silben aus mir jeden Tag

Wie Knoten aus einem Netz

Schaue mich an
Schaue nicht weg
Höre nicht auf mich anzublicken
Fasse mein Fleisch
Greif meine Seele
Schau nur wie wild meine Glieder zucken

als hättest Du sie unter Strom gesetzt

Schaue mich an
Gib mir zu Essen
Der Hunger nach Dir zerrt und reißt an mir
Nach Deiner Angst
Und Deinen Wunden
Sie locken mich an wie ein verlassenes Tier

bevor es sich vor Dir erschrickt

Schaue mich an
Rühre mich an
Halte mich fest in Deinem Griff
Gehe nicht weg
Schau wie ich brenne
Schau wie ich leide, wenn Du mich triffst

mit Deinem Schattenblick

La Mia.

Tastende Hände auf meinen Rippen
Was mag ich dort sein, dort unter der Haut
Ach, sei ich der Sensenmann, knochig und fahl
Bin doch mit den Rufen der Hölle vertraut

Was sagt dieses Brot mir, was spricht dieser Apfel?
Sie strecken die Hände aus nach meiner Hülle
Doch Äpfel und Brote sind mir keine Nahrung
Die Leere in mir, sie sehnt sich nach Fülle

Mein hungriger Körper möchte verschwinden
Das Leben bestrafen, das ihn getroffen
Fleischstück um Fleisch, den Würmern zum Fraße
Die Erde verschlingt ihn und säubert die Knochen

Sei stille, Du Speise, hör auf mich zu rufen
Verführe mich nicht, was willst Du versprechen?
Der Preis deiner Lust sind Ekel und Schmerz
Vergiftete Freundin, ich muß Dich erbrechen

Nein, nichts soll mich nähren, nichts soll mir schmecken
Kein Hauch auf der Zunge sei mehr ein Genuß
Denn jegliche Speise hat mich verraten
Ich liebte — doch sie war ein Judaskuß

das Blau dieser Stunde.

Lass mir die Dunkelheit für meine Trauer
Lass mir die Trägheit, lass mir den Schmerz
Was soll mir das Licht sein, was helfen mir Worte?
Im Blau dieser Stunde birgt sich mein Herz

Der Tag geht vorüber, die Nacht wird noch kommen
Das Blau dieser Stunde ist weich wie der Schnee
und warm wie die Sonne, es senkt sich hernieder
umhüllt meinen Körper und lindert mein Weh

Das Licht bricht sich splitternd und grau an den Wänden
Zeigt Scherben eines vergangenen Tag´s
So lass mich bestaunen sein sterbendes Tanzen
Das Blau dieser Stunde schließt gleich seinen Sarg

Wie Staub auf der Linse verschwimmen die Schatten
Das Blau dieser Stunde frisst leise und kaut
bedächtig am Traum eines unruhigen Schlafes
und hat bald das letzte Trugbild verdaut

So lass mir die Dunkelheit für meine Trauer
Lass mich versinken im Jetzt und im Hier
Das Blau dieser Stunde wird grauer und grauer
Oh, Blau dieser Stunde, nimm mich mit Dir

Wüste Ödnis.

Graue Schluchten reißen uns
in Täler, trist und traumverhangen
und im trüben Morgendunst
hängt die Zeit, wie Licht gefangen
irisierend in der Luft.

Hilflos starren wir sie nieder,
starren stummen Fischen gleich
mit geschloss’nen Augenlidern
in ein dumpfes Totenreich,
atmen schwer den Totenduft.

Schwarze Löcher hinterlassen
uns’re Herzen öd und wüst
und kein Mensch kann je erfassen
welche Ödnis uns begrüßt,
sonntagfrüh am Galgenbaum.

Deine Augen flackern wütig,
doch Dein Antlitz ist bedrückt.
Leben lastet unermüdlich
auf dem, den es niederdrückt.
„Sonntagfrüh“ ist nur ein Traum.

Du und ich, wir schweigen lieber
lebenslang in uns’rem Grab.
Hoffnungsstaub fällt auf uns nieder
bis er uns begraben hat.
Und das Spiel beginnt von vorn.

Doch die Jahre gleiten weiter,
gleiten hin durch Zeit und Raum.
Gestern noch, da war’n wir heiter.
Heute sterben wir vor Gram.
Morgen werden wir gebor’n.

Würmer und Fliegen.

Als heute morgen die Sonne aufging, fragte ich mich ob die Würmer in meinem Bauch auch schon wach sind und ich nahm das Messer neben meinem Kissen und schnitt ein großes Loch in die Bauchdecke, um ihnen einen guten Morgen zu wünschen. Der Himmel hängt seit Tagen voller dicker, weicher Wünsche und die zerrissenen Fetzen unbeständiger Zirruswolken ziehen durch die Landschaft und stürzen in traurigen Bahnen zu Boden, wo sie die Erde zu Tränen rühren.

Ich schwebe auf diesem Tränenbett, eingelullt in das süße Singen der Würmer und versuche einen Liebesbrief zu schreiben. Doch die Worte prallen an den blankpolierten Wänden meines Kopfes ab und blicken stumpf wie kleine Fische in die Nacht.

Es gab eine Zeit, da glaubte ich felsenfest nur das Leben kenne kein Ende. Heute weiß ich, daß auch das Herz kein Ende kennt, wenn es einmal angefangen hat zu schlagen. Es schlägt wie ein verrücktes, kleines Männchen mit einem Hammer, unaufhörlich gegen die Knochen und es schlägt immer fester und wilder und fester und wilder und man meint, es müsse doch bald eine Spitze erreichen, doch die Spitze kommt nicht, es kommt nichts, was ein Ende ankündigt, nichts was anders wäre als das Schlagen des Herzens. Veränderung ist eine Illusion.

In mir lebt ein riesiges Loch, das die Gestalt eines großen Mannes annimmt und mich auffrisst und ich dachte, ich sei geheilt von aller Leere, doch die Leere ist die Liebe und nichts heilt die Liebe einer Frau.

Während der Tag vergeht, vergeht die Nacht und in der Nacht singt der Tag schrille Kinderlieder und weint verzweifelt in meinen Träumen, schreit um Hilfe und sucht mich, sucht meinen Verstand, der längst von einer Klippe gesprungen ist. In der Nacht schwinden alle Worte und formen das Loch und ich will es erschlagen, doch der Mann tritt hervor und keiner, niemand lächelt wie er.

Es war wie eine Erdbeere, die meine Lippen benetzte, als ich mit Nadel und Faden meinen Schoß verschloß und tief im Wald nahm ich die Schrotflinte und schoss mir in den Mund. Doch bevor ich erwachen konnte, waren dort soviele Bäume und flüsterten “Niemals entkommst Du dem Labyrinth Deines Herzens.” Und ich schrie “Ich mag ja romantisch sein, aber ich lebe nicht mehr, nein, ich lebe nicht mehr. Wer hat mich erschlagen?” Und die Bäume lachten und flogen davon.

Es waren Stunden, Tage und Jahre und noch immer schlägt mein Herz und die Würmer in meinem Bauch schlängeln sich hinauf in meine Augen und treten hervor und lachen und lachen, sie lachen sich kaputt über all das, was sie sehen, doch mein Bauch, der weint, weil er sie verloren hat.

In den Bäumen hängt ein stahlblauer Luftballon und kichert hysterisch. Der Mann auf meiner Brust zerschlägt Fliegen mit einer Eisenpfanne und verschluckt meinen Verstand vor Schreck. Er hat alles verlassen, noch bevor ich ihn kannte. Wie soll ich ihn finden, wenn er doch längst nicht mehr sterben kann? Ich ertrinke und kralle mich in seine Haut. Doch was ich in den Händen halte, ist das höhnische Brüllen der toten Fliegen und ich erwache allein. Kein Blut fließt um mich herum. Nur mein Herz schlägt.

Schneeschwalben.

Wenn der Himmel sich bricht
über Erde und Meer
ist die Welt nur ein Bogen
um mein Herz, das sich schwer
betrübt und betrogen
dem Leben ergibt
das es nährt, das es liebt.

Wie ein Vogel am Himmel
sich ziert und gebiert
und verunglückt im Flug
durch den Wind, der verirrt
in der Welt sich verliert
weil ein Auto am Wege
ganz ohne Gefühl
auf die Welt schaut und stirbt,

so betrachte ich müßig
dein schönes Gesicht
ohne Glaube an Nachsicht
ohne Glaube an Dich
ohne Angst oder Schrecken
nur verzweifelt erpicht
auf ein Wort und ein Lächeln
in deinem schönen Gesicht.

Es ist Sommer, es schneit
und die Welt ist beglückt
kann nicht fassen, daß sie
soviel Weisheit berückt
und sie strahlt aus den Fugen
im Horizont
mit der Liebe, die einst
mal ein Gott erfand.

Ich begreife so langsam
um was es ihm ging
diesem Gott, der mich schuf
und den Fehler beging
mich zu lehren, wie ich
den Teufel erschlage
denn am Ende blieb nichts
als des Erzengels Klage,
der sich mühsam das Fechten
lehrte.

Ich versinke in Armut
um mich herum
singe Lieder, die einmal
ein Arbeiter sung,
der viel trank und das Leben
verfluchte.
und ich suche den Himmel
nach Schneeschwalben ab
und versinke, versinke
versinke.

Und am Ende, am Ende
da segne ich dich
ich streichle verzückt
dein schönes Gesicht.
Und im Rausch meiner Armut
beglücke ich Dich
und verspreche, verspreche
ich liebe Dich nicht.

Harm oder der Mann, den ich liebte.

Wach auf Labelle, nun wach doch auf. In einer Stunde mußt Du wieder eingeschlafen sein. Ich möchte Dir etwas zeigen. Werde endlich wach! Es ist soviel passiert, seit Du eingeschlafen bist. Du mußt den Schmetterling in Laras Auge sehen. Er wohnt dort. Vor einigen Tagen noch war er eine Raupe, die aus ihrem Kopf gekommen ist. Ich glaube, Lara hat viele Raupen im Kopf. Bestimmt ist bald der ganze Raum voller Schmetterlingen. Labelle, Du mußt aufwachen und ihn anschauen. Er ist wunderschön, grün und gelb. Er paßt so gut zu ihren Haaren und ihrer Haut. Harm gefällt er auch. Er sagt, Lara sei nun viel hübscher als vorher. Wenn Du nicht bald aufwachst, wirst Du alles verpassen. Dann mußt Du weiterschlafen ohne Lara gesehen zu haben. Ich möchte Dir doch auch noch so viel erzählen. Harm nimmt mich jetzt öfter zu sich nachts, wenn er nicht bei Dir sitzt. Lara beachtet er kaum. Nur manchmal streicht er ihr über den Kopf. Ich glaube, er freut sich, daß sie so gut aussieht, neben dem Klavier. Und daß es endlich ruhig ist. Ich rede nicht viel. Wenn er bei Dir sitzt, lese ich und rauche. Das mag ich. Er akzeptiert dann auch keinen Lärm. Nicht einmal ein Wort. Er sitzt nur da und hält seine Hand über Dein Gesicht, als müsse er Dich beschützen.

Ich vermisse Dich, Labelle. Wir hätten soviel zu bereden. Warum wachst Du nicht wenigstens auf, wenn er weg ist? Er würde es doch gar nicht merken. Nun höre ich ihn husten vor der Tür. Gut, daß Du schläfst.

Daß wir drei den gleichen Mann lieben, war nicht geplant. Aber sein Angebot war so großzügig, daß es unmöglich war es auszuschlagen. Er ließ uns alle bei sich wohnen. Eine durchschnittliche Wohnung am Stadtrand, ein wenig dunkel, souterrain und karg möbliert. Das machte uns nichts aus, solange wir bei ihm sein konnten. Wir hatten alle unser eigenes Zimmer, er versorgte uns mit Essen und Geld für Kleidung oder um auszugehen. Er hatte nicht viel davon, aber er tat es wohl gern, weil er uns ebenfalls alle drei liebte. Labelle war wahrhaftig und schön. Zu sanft für diese Welt und dabei so sicher in ihrer allumfassenden Güte, daß keiner es wagte, ihr zu widersprechen. Er bewunderte sie für diese stetige Zärtlichkeit, mit der sie ihrer Umwelt begegnete. Lara war vor allen Dingen hübsch und liebenswert. Ein wenig anstrengend, nicht besonders klug, aber immer lustig. Ich glaube, sie war die Normalste von uns. Und deshalb paßte sie auch nie ganz dazu. Und ich: Tja, ich war wohl immer die Robusteste. Er wußte, daß er sich auf meine Stärke verlassen konnte. Und deshalb schonte er mich nicht.

Eine Zeitlang gingen wir drei Frauen regelmäßig aus oder in die Stadt, um einzukaufen. Wir genossen den Luxus, von einem Mann ernährt zu werden und pflegten eine angenehme Freundschaft. Labelle war mir dabei besonders ans Herz gewachsen, aber das war auch nicht schwer, denn immerhin glich sie einem Engel, in Wesen und Äußerem. Er sah großzügig über unseren Müßiggang hinweg und erfreute sich an unseren Erzählungen beim Abendessen.

Doch eines Abends wurde alles anders. Es war der Abend, an dem Labelle einschlief. Wir waren gemeinsam in unserem Lieblingscafe, tranken Cocktails, rauchten und alberten mit irgendwelchen Typen herum. Labelle trank etwas zuviel, was sie selten tat und es kam, daß sie auf einmal verschwunden war. Wir suchten sie eine Weile, beschlossen dann nach Hause zu fahren, da sie alt genug war, um auf sich alleine aufzupassen. Er sah uns durch die Tür kommen und erstarrte: „Wo ist Labelle?“ „Wir wissen es nicht.“, antwortete ich.  Noch während wir uns ratlos ansahen, schien ein Scheinwerfer ins Fenster. Vor dem Fenster stolperte eine leicht zerwühlte Labelle aus einem Auto heraus. Er drehte sich um zu mir, leichenblaß. Dann fing er an mich anzuschreien. Er schrie, daß  ich sie hätte beschützen müssen, wie ich so etwas zulassen konnte. Und er schlug mich, immer weiter, bis ich vor der Tür meines Zimmers zusammenbrach.

Am nächsten Morgen fand ich Lara verzweifelt vor Labelles Bett. Sie schüttelte sie und weinte. „Wach auf, Labelle, wach bitte auf.“ Ich trat zu ihr ans Bett. „Was ist mit ihr?“ „Sie schläft, sie schläft einfach immer weiter!“ Er kam hinein und scheuchte uns davon. Wir rätselten den ganzen Morgen, was mit Labelle sein konnte, daß sie partout nicht aufwachte. Er saß den ganzen Tag an ihrem Bett. Gegen Abend rief er mich. Ich sollte ihm helfen, das Bett ins Wohnzimmer zu tragen, damit wir immer beieinander sein konnten. So kam es. Labelle lag in ihrem Bett und schlief. Ich las und rauchte und Lara stand unruhig am Fenster. Wir wollten nicht ausgehen, sondern bei Labelle bleiben, falls sie aufwachen sollte. Er saß ruhig bei ihr und sah sie an.

Lara hielt die Ruhe nicht mehr aus. Sie fing an zu fragen, was mit Labelle passiert sei, warum sie nicht erwachte, was in der vergangenen Nacht vorgefallen sei. Er hielt sie immer wieder an, ruhig zu sein, aber Lara ertrug die Situation nicht mehr. Sie fing an zu kreischen und um sich zu schlagen. Er stand auf, schrie mich an, ich solle Lara in ihr Zimmer bringen und selber in meines gehen; er wolle mit Labelle alleine sein. Ich tat, was er sagte und las in meinem Zimmer weiter, nachdem ich Lara in ihrem eingeschlossen hatte, denn dort bleiben, wollte sie freiwillig nicht.

So vergingen die Tage. Lara schrie und zeterte, bis sie eingeschlossen wurde und auch dann hörte sie nicht auf. Ich las meine Bücher und rauchte und wartete jeden Tag darauf, daß Labelle aufwachte. Er saß nur bei ihr und sprach mit niemandem von uns. Er trug mir auf, mich um Lara zu kümmern, Essen für uns zu kochen oder einzukaufen. Ich tat alles, wie er es wollte, denn ich hoffte, meine Schuld, die ich zweifelsohne an Labelles Zustand hatte, dadurch ein wenig lindern zu können.

Eines Abends kam er in mein Zimmer. Er trug etwas in der rechten Hand, was nicht ganz leicht aussah und ich dachte, er würde wieder meine Hilfe bei der Hausarbeit erbitten. Das Licht war schummrig, denn ich hatte nur eine Leselampe an, unter der ich saß. Er trat näher und langsam erkannte ich, daß das Ding, das er in der Hand hielt tropfte. „Was hast Du da?“, fragte ich. „Fällt Dir nichts auf?“, erwiderte er. Ich zuckte die Schultern. „Es herrscht Ruhe.“, sagte er. Ich richtete den Lichtkegel auf ihn. Sein Gesicht war wie immer, vielleicht ein wenig ermüdet. Mein Blick wanderte seinen Arm hinunter. In der Hand hatte er Haare. Strohblond. Daran baumelte der schwere, blutende Kopf eines Menschen. Ich verstand nicht, was das war oder sein sollte. „Was ist das?“ fragte ich, irgendwie gedankenverloren. Ich betrachtete den Kopf: das verzerrte Gesicht, die aufgerissenen, aber stumpfen Augen, herabfallende Lippen und die blutigen Hautfetzen am Hals. „Das ist Lara.“, antwortete er und drehte sich um. „Komm, ich brauch Deine Hilfe.“

Ich konnte seine Entscheidung verstehen. Lara paßte in ihrer quirligen, kindischen Art nie ganz zu uns. Aber sie hatte ein bildhübsches Gesicht. Wir montierten den Kopf auf einem Zaunpfahl und stellten ihn auf einer Betonplatte ins Wohnzimmer. Den restlichen Körper ließ er irgendwie und irgendwann verschwinden. Er bat mich nicht um Hilfe dafür. Da ich schweigsam war, durfte ich von  nun an im Wohnzimmer bleiben. Und so saß ich da, in meinem Sessel und rauchte und las und Labelle schlief und Lara schwieg. Es war gemütlich, aber es begann auch an mir zu nagen. Er saß bei Labelle und immer wieder sah  ich aus den Augenwinkeln seine Hand, die vorsichtig und in einer Geste grenzenloser Zärtlichkeit ihr Gesicht streichelte. Ab und zu nahm er mich zu sich. Ich schlief mit ihm und wünschte mir nur, er würde mich einmal so streicheln wie Labelle.

Wenn er fort war, bat ich Labelle zu erwachen, damit ich nicht mehr so alleine war. Ich wußte, daß er ihr Schlafmittel gab, damit sie nicht aufwachte und ich wußte, daß er sie vor allem so sehr liebte, weil sie schlief. Nicht einmal die tote Lara liebte er so sehr. Natürlich liebte er auch mich, aber doch war ich zu lebendig, zu echt, zu geerdet, um eine solch himmlische Liebe zu erfahren, wie Labelle sie von ihm erhielt.

Eines Nachts warf er mich aus seinem Zimmer. Ich hatte, nachdem wir miteinander geschlafen hatten, eine Zigaretten angezündet. Er sah mich eine Weile an. Dann sagte er, ich sei ein würdeloses Objekt und zog mich am Arm aus dem Bett, über den Boden, bis aus dem Raum hinaus. Vor der Tür ließ er mich los. Ich blieb liegen. Wie ein toter Körper. Ich begriff nicht, was in ihm vorging, was er wünschte, wonach er sich so sehr sehnte, daß er tagelang am Bett der schlafenden Labelle saß und seine Hand über sie hielt? Und das machte mir Angst.

Ich wollte nicht länger mit ansehen, wie wir alle vier dahinvegetierten und auf etwas warteten. Ich wollte nicht länger darauf warten, daß Labelle erwachte und es werden würde wie früher. Labelle würde nicht mehr erwachen und er würde mich niemals so lieben wie sie. Ich holte die Axt aus dem Keller, die er sorgfältig gereinigt hatte und ging ins Wohnzimmer. Er hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Es war stockfinster in der Wohnung, denn durch die schmalen Kellerfenster drang kaum Licht. Ich gab Labelle einen Kuß und sagte ihr, wie sehr ich sie vermißt hatte. Dann holte ich aus. Es spritzte nicht so sehr, wie ich erwartet hatte. Ich nahm den abgeschlagenen Kopf in die eine Hand, holte Laras Kopf vom Zaunpfahl und stapfte mit beiden Köpfen in den Garten. Benzin hatten wir im Keller, Feuer hatte ich immer bei mir. Das Licht lockte ihn an, aber als er den Garten betrat, war ich schon einige Häuser weiter, auf dem Weg nach Hause.

Ich konnte gut ein Leben ohne ihn anfangen. Nichts liegt dem Menschen besser als Dinge zu verdrängen, die in ihm spuken. Ich fand einen Job und um nicht an ihn zu denken, arbeitete ich soviel, daß ich bald von beruflichem Erfolg sprechen konnte. Ich begann zu malen. Immer malte ich dasselbe Bild: Eine schlafende Frau im Vordergrund, über ihr eine Männerhand, den Zeigefinger ausstreckend, der Nase entgegen für eine leichte, zarte Berührung. Etwas weiter hinten eine weitere Frau, auf einem Sessel ausgestreckt, lesend und rauchend, umgeben von einem Hauch der Gleichgültigkeit, die ich mir immer gewünscht hatte und im Hintergrund ein verwesender Frauenkopf auf einem Zaunpfahl, einen Schmetterling im rechten Augen. Die Bilder stapelten sich in meinem Kopf, also stapelte ich sie in meinem Zimmer.

Eines Abends im Büro, klopfte es an meine Tür. Eine junge Frau, ein wenig vulgär, aber hübsch trat ein und sagte fragend meinen Namen. Ich nickte. „Harm ist hier und möchte Dich mitnehmen.“, sagte sie. Ich sah sie erstarrt an. „Was will er von mir?“ Was will er von Dir, ging mir durch den Kopf. Du bist doch noch dümmlicher als Lara. Er wird Dich köpfen, ehe Du Dich versiehst. „Er sagt, Du hast ihm zwei Köpfe verbrannt, einen lebenden und einen toten und nun will er Deinen als Ersatz.“. Sie kicherte so blöd wie sie aussah. Ich hatte schreckliche Angst. Dann kam er durch die Tür. Ich hatte keine Zeit ihn anzusehen, zu spüren wie Schmerz und Liebe gleichzeitig durch meinen Körper zuckten, denn die Angst war so groß, daß ich nicht einmal mehr schreien konnte. Ich wollte aufstehen und loslaufen, doch er packte mich, schnitt mit einem Messer in meinen Hals, ich schrie nun doch, riß mich los und rannte ins Nachbarbüro. Ich wußte, daß ich höchstwahrscheinlich in eine Falle gelaufen war, denn die Tür nach draußen war hier vermutlich versperrt. Dennoch riß ich an ihr und sie ging auf. Ein Wunder oder nicht. Ich lief nach draußen, schrie und lief Dir in die Arme. Zum ersten Mal erfuhr ich Normalität. Du packtest mich und ich weinte und schrie „Beschützen Sie mich, beschützen Sie mich!“