Eine Liebesgeschichte.

Es ist nicht so, daß ich auf etwas anderes warte, als auf den Einsturz des Himmels. Ob dieses Ereignis mit Deiner Person verknüpft ist oder Du nur eine nebulöse Erscheinung meines Fiebers bist, möchte ich nicht wissen. Ich möchte, daß Du weißt, daß Du Teil geworden bist. Teil meiner Idee. Und da kommst Du nicht mehr raus. Ich habe Dich nicht gefragt. Und ich werde Dich nie fragen, ob Du eine Meinung dazu hast. Sie ist mir egal. So egal, wie mir Deine Lebensumstände sind. Du bist mein geworden. Wenn ich mich in Deine Brust kralle und schreie: „Ich liebe Dich“, dann ist es nicht meine Verzweiflung, die Dich bluten lässt, sondern meine Wut. Glaub mir, daß ich Dich liebe. Es gäbe nichts anderes, was ich lieben könnte. Ich weiß, daß Du da bist und mich festhälst. Tätest Du es nicht, wo sollte ich dann sein? Sag es mir. Ich wäre doch aufgelöst. Ich wäre Brause im Wasser ohne Dich.

Du wirkst unschuldig, kindlich. Dein Lächeln soll wohl teilnahmslos wirken. Darauf falle ich nicht rein. Ich hab Dich längst ertappt. Du willst mich ignorieren? Ich spüre doch, daß Du nur mich siehst. Ich spüre, daß Du nicht in der Gestalt bist, die dort steht. Du bist hier neben mir. Und riechst an mir.

Sie mögen mich für verrückt halten. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich hier stehe und die Farbe von den Flügeln eines Schmetterlings kratze. Er ist tot. Er war schon tot. Ich täte keinem Schmetterling etwas zuleide. Ich habe ihn gefunden. Dort hinten. An dem verlassenen Grab in der Ecke. Er lag dort. Vielleicht hat ein Toter seine Hand aus der Erde gestreckt und ihn gegriffen. Ich habe ihn genommen und färbe nun meine Finger mit ihm ein. Es ist soviel passiert oder?

Ich hatte nicht vor Dich zu beachten. Wirklich nicht. Du bist einfach so dahingestolpert und mir über die Füße gefallen. Ich habe Kaffee getrunken und einen Apfel gegessen. Der Apfel war vom Baum meines Onkels. Er hat viele Äpfel und diesen einen gab er mir, als ich ihm bei der Ernte die Hand versengte. Die Zigarette war zur falschen Zeit am falschen Ort. Welche Ironie. Der Apfel wohl auch. Ich habe das Leben nie sonderlich gemocht. Deshalb mochte ich auch nie sonderlich gerne Äpfel. Ich kann nicht behaupten, daß das jetzt anders ist. Aber ich blicke liebevoller auf die Äpfel. Schließlich aß ich einen, als Du mir erzähltest, Dein Sohn habe ein Baby geschlagen. Zu Deinem Entsetzen und zu meiner Belustigung. Du erzähltest mir auch, wie Deine Tochter in einen Tigerkäfig geklettert ist und im Tigerbecken fast ertrank. Was Du mir nie erzähltest, war, daß Deine Frau sich von innen auflöst. Zersetzt wird von einer Bestie. Eigentlich gab es Deine Frau nie. Nie seit ich Dich kannte.

Der Pensionswirt gierte mit seinen Blicken auf meine Füße. Ich hatte die Nägel rotlackiert. Das mache ich nie. Bis auf jenen Abend. „Ich bin sicher, er hat angerufen.“ Ich meinte es sei Speichel, der dem Mann aus den Mundwinkeln in den Bart lief. „Niemand hat reserviert, niemand hat angerufen. Sorry.“ „Das ist nicht möglich.“ „Nehmen Sie doch ein Zimmer und warten Sie hier. Er kommt schon noch.“ Ich nickte.
Natürlich kamst Du. Plötzlich warst Du da und kein Wort verlor sich über das Zimmer. Es erinnerte an Übles: Die Farben, der Geruch. Wir liebten uns lange und sanft, wie immer,  bis zu dem Ausbruch, in dem ich Deine Brust aufschlitzte und mein Herz brach, weil ich nicht ertrug, wie sehr ich Dich liebe. Du warst so gut zu mir. Hast mich gehalten. Bis irgendwann. Wenn ich aufwachte, warst Du fort. Und das Spiel begann von vorn.

Nie sagtest Du mir, daß Du gehen wolltest. Ich weiß nur, daß ich einmal bei der Vorstellung, Du tätest es, den Wagen anhielt und mich auf der Straße übergab. Ein andermal schrie ich solange zu Gott, bis ich vor Erschöpfung einschlief. Es ist beim besten Willen nicht so, daß ich es glauben würde. Ich habe nur einmal versucht, für ein paar Sekunden ohne Dich zu leben. Es schüttelt mich, wenn ich daran denke. Du hast Dir den Finger abgehackt. Beim Holzhacken. Ich weiß nicht, wie man sich beim Holzhacken den Finger abhacken kann, aber Du hast es geschafft. Ich finde es faszinierend. Ich glaube, Du wolltest es. Um mir den Finger zu schenken. Es ist ein Liebesbeweis. Ich habe ihn konserviert und auf meinen Nachttisch gestellt. Jeden Abend küsse ich ihn. Ein toter Körper ist soviel echter als ein lebendiger. Es ist der linke Ringfinger. Ich habe ihm einen Ring aufgesteckt. Aus Gänseblümchen. Du weißt, daß ich Gänseblümchen liebe. Sie sind so unschuldig wie Deine Geschichten.  Ich liebe Deine Geschichten.

Es ist Mittwoch. Ich betrachte ein paar Drachen beim Spielen. Mir ist es egal, ob sie die Stadt verbrennen. Ich würde mich über die Wärme freuen. Ich friere und zittere und klappere mit den Zähnen. So ist es immer, wenn Du nicht da bist. Ich warte auf Dich und rufe den Drachen zu, sie mögen mich wärmen. Einer speit Feuer auf mich und ich sehe zu, wie meine Haut anfängt zu kochen. Du hast nicht angerufen. Das tust Du nie. Obwohl Du schon lange meine Nummer hast. Ich weiß nicht warum. Du tauchst einfach immer auf oder auch nicht. Ich schäle mein Fleisch von den Knochen und setze es neu wieder an. Ich möchte so frisch wie möglich für Dich sein. Ich würde sogar mein Haar kämmen, wenn ich könnte. Mein Kaffee ist kalt und ich blicke auf die Krümel am Boden der Tasse. Sie schreiben Deinen Namen. Ich weiß, daß Du mich liebst. Ich brauche keine Kaffeetasse um es zu beweisen. Du kommst nicht. Die Drachen sind weitergezogen. Ich weiß es trotzdem.

Ich stehe hier und blicke hinüber. Ich lache laut auf, als er sagt „Staub zu Staub.“ Der Spruch gehört doch wirklich eher auf eine Hochzeit als hierhin. Staub zu Staub. Der Schmetterling in meiner Hand ist auch nur noch Staub. Ich frage mich, warum Du nicht bei mir bist. Warum Du dort stehst, mit den Kindern im Arm. Sie sind alle nur Staub. Wir sind real. Wir sind wahr. Mir ist warm und ich zittere. Der Schmetterling erhebt sich und fliegt fort. Er ist nur eine nebulöse Erscheinung meines Fiebers. Ich muss ins Bett und mich ausruhen. Bringst Du mir später eine Hühnersuppe vorbei?

Die Traurigkeit meiner Liebe.

Die Traurigkeit meiner Liebe ist
so rein wie der Blütenstaub der Rosen
zum Verderben bestimmt
in ihrer Wildheit ausgesetzt
unter unschuldigen Tränen

Die Traurigkeit meiner Liebe ist
so jung wie das Lächeln der Sonne
jeden Tag auf’s Neue entfacht
und immer erschüttert vor Schrecken
über das eigene Erwachen
die Züge bitterer Reife
im Spiegel  versteckt

Die Traurigkeit meiner Liebe ist
so traurig wie der Regen am Abend
So sanft und geschmeidig
ahnungsvoll und augenzwinkernd
mit belegter Zunge die Lippen leckend
wohl wissend:
Ich werde ein Sturm heute Nacht

Und die Traurigkeit meiner Liebe ist
so süß wie rosa Wein
so verheißungsvoll
für Deine Lippen bestimmt
sie zu vergiften
und Dein Herz zu ertränken
doch noch träumend und schmachtend
zu Essig verkommen
vor Ekel erbrochen und ausgespuckt
und mit ein paar Tränen
das Klo runtergespült

Mein Schatz.

Ich habe das Meer berührt.

An einem Strand,
hinter einer trüben Promenade
und ein paar Schafen,
nur einzelnen Rentnern mit Hunden,
saß ich und habe das Meer berührt.

Und wie ich da saß
und mein Bauch schmerzte,
vor soviel Tristesse,
grub ich nach einem Schatz.

Ich fand ihn,
keine zwei Handbreit  tief
im Sand.

Ein Stein,
blank geleckt vom Meer.

Ein Diamant,
wenn man ihn putzt.

Ich putzte und dachte:
„da sitze ich hier,
wo ich nicht hingehöre.“

Doch das Meer ist schön,
wo immer es sich zeigt
und ich habe einen Schatz gefunden,
nur eine Handbreit tief
vergraben.

Und überall im Sand
stand Dein Name,
mit dem Finger geschrieben.

Der Strand hat ihn sich gemerkt.

Und um meinen Schatz gewickelt,
warf ich ihn ins Meer,
damit es ihn mitnimmt
in die Unendlichkeit.

Doch Dein Name kam zu mir zurück.

Und so sah ich teilnahmslos zu,
wie die Gischt mit ihm spielte.

Grüne Sterne.

Ich habe von grünen Sternen geträumt,
und nun fallen sie vom Himmel wie Regen.
Und hinterlassen doch die blauen Spuren
unentrinnbarer Trauer
im Schnee meines Herzens.

Ich habe die Welt gefragt,
warum sie mich nicht entläßt
aus ihren Klauen – voll dieser Trauer.
Und sie antwortete,
weil Du mußt, was Du kannst.

Und ich habe den Himmel gebeten zu brennen.
Doch er schimmerte unberührt
Zu jeder Zeit.
Ich habe gefleht,
ohne ein Wort,
und mich erstaunt,
daß die Welt nicht erbebt.

Doch das Flimmern vor meinen Augen
versprach mir Gnade und Seligkeit,
bevor es davon sprang.
Auf Katzenpfoten.

Und plötzlich
war die Welt eine Kugel
und drehte sich.

Ich habe geträumt
und die Augen geöffnet.
Von einem Sommer geträumt,
der nie kam.
Ich dachte, es sei kein Baum erblüht.
Bis ich merkte,
daß die Bäume im Winter blühen.

Und als ich heute eine Wespe totschlug,
begriff ich,
daß es Wunder gibt.