Schattenblick.

Schaue mich an
Rühre mich an
Schlag Deine Zähne in meine Seele
Leg Deine Hände
an meine Seiten
Zupf meine Worte aus meiner Kehle

Halte mich fester als Eisen

Schaue mich an
Schneide mich auf
Lege Dein Messer an meinen Bauch
Zerre an mir
Pflücke mein Innres
aus meinem Leib wie Beeren vom Strauch

Schlage in mir Deine Schneisen

Schaue mich an
Schau meine Zunge
Wie sie sich müht und schmerzhaft sich plagt
Wie sie sich windet
vor Deinen Augen
Ziehe die Silben aus mir jeden Tag

Wie Knoten aus einem Netz

Schaue mich an
Schaue nicht weg
Höre nicht auf mich anzublicken
Fasse mein Fleisch
Greif meine Seele
Schau nur wie wild meine Glieder zucken

als hättest Du sie unter Strom gesetzt

Schaue mich an
Gib mir zu Essen
Der Hunger nach Dir zerrt und reißt an mir
Nach Deiner Angst
Und Deinen Wunden
Sie locken mich an wie ein verlassenes Tier

bevor es sich vor Dir erschrickt

Schaue mich an
Rühre mich an
Halte mich fest in Deinem Griff
Gehe nicht weg
Schau wie ich brenne
Schau wie ich leide, wenn Du mich triffst

mit Deinem Schattenblick

Iberia.

Der Typ hinter mir kam mir unangenehm nahe. Ich hatte das Gefühl seinen Schweiß in meinem Nacken zu spüren. Er atmete schwerer als andere. Ich stellte meinen Kaffee auf die Anrichte und bestellte ein Brötchen und Zigaretten dazu. „Verpflegung für unterwegs, wie!?“ hörte ich eine dumm-dreiste Stimme hinter mir. Der Typ grinste blöde. Seine weiße Trainingsjacke war verdreckt. Ich ignorierte ihn, bezahlte meine Ware und verließ flüchtend die Tankstelle. In meinem Auto sitzend fühlte ich mich wieder sicherer. Ich startete, bog nach links und fuhr die Straße Richtung Autobahn hinauf. An der Ampel dreihundert Meter vor der Auffahrt öffnete ich meinen Kaffee, steckte mir eine Zigarette an und freute mich auf die letzte halbe Stunde Einsamkeit bis zum Abend. Die Ampel sprang auf grün. Ich stellte meinen Kaffee in den Getränkehalter und fuhr los. Die Welt war dort draußen und ich hier drin. Das Auto kannte den Weg. Ich konnte mich zurücklehnen und entspannen. Als ich die Autobahnauffahrt hochbog, las ich irritiert den Richtungspfeil: „Iberia“. Wo hatte ich hingewollt?

Ich löschte die Zigarette im Aschenbecher. Die Straße auf der ich fuhr, war spaliert von engstehenden, hohen, bleichen Häusern, pastellfarben, aber trist. Es waren keine Menschen unterwegs. Ich und mein Auto waren allein. Ich stieg aus um mich umzusehen. Ein entsetztes Schreien ließ mich herumfahren. „Laufen Sie, nun laufen Sie schon!“ Ein Mann mittleren Alters in grauem Anzug kam auf mich zugestürmt, hinter ihm eine blonde Frau mit verzerrtem Gesicht. Sie war in ein grelles, pinkfarbenes Kostüm gekleidet, daß sich erschrecken von der farblosen Umgebung abzeichnete. Der Mann nahm mich an den Schultern und stieß mich in einen Hauseingang. Eine steile Rolltreppe erhob sich vor mir. „Hoch, hoch. Los!“ ächzte er. Ich stieg auf die Treppe, der Mann schob sich hinter mir her. Die Frau schrie verzweifelt. Als ich mich umdrehte, packte mich eisiges Entsetzen und die Angst stieß mir wie eine Faust in die Magengrube. Das Gesicht der Frau war unmenschlich verzerrt. Ihr Mund war geöffnet wie das Maul eines Löwen und Speicheln und Schaum verschmierten ihre Lippen. Ich wollte losrennen, doch der Mann hielt mich fest. „Sie kommt nicht hier rein.“ Dann nahm er meinen Kopf zwischen die Hände, drängte seine Finger zwischen meine Lippen und spritzte mir wütend in den Mund.

Ich kam schmutzig und verloren wie ein streunender Hund am Ende der Rolltreppe an. Vor mir erstreckte sich eine Halle, groß, voller Menschen und kühl wie ein Flughafenportal. An Schaltern links der Treppe bildeten sich lange Menschenschlangen. Der Mann von der Rolltreppe war verschwunden. Ich setzte mich erschöpft auf eine Bank am Fenster, einen wässrigblauen Himmel im Rücken. Am anderen Ende der Bank, in eine Ecke gekauert saß ein Mann, dicklich, der abwechselnd jung und alt aussah. Seine kurzen, schwarzen Haare  wirkten verwirrend zu dem langen, grauweißen Vollbart, der immer wieder verschwand und den Blick auf ein rundliches, gutmütiges Gesicht freigab. Ich fühlte mich nackt und ausgeliefert. Als ich die Arme schützend um mich schlang, nahm der Fremde  Notiz von mir. Er zog die graue Decke von seinen Schultern und gab sie mir. Dankbar nahm ich sie und lächelte. In dem Moment verschwand der Bart wieder und ich erkannte den Mann. Nur hatte ich ihn immer feiner gekleidet, als in den zerfetzten Lumpen eines Penners gesehen. „Du solltest da nicht so alleine sitzen,“ murmelte er. In dem Moment bemerkte ich die schwüle Hitze, die nach Körpersäften stinkende Luft, aufgeladen von irren Gelüsten. Ich rutschte zu ihm. Er legte seinen Arm um mich und erklärte mir, daß die Menschen an den Schaltern sich registrieren ließen. Ich wusste, daß auch ich zu einem Schalter musste, aber er nahm meinen Arm und sagte: „Komm mit mir.“

Er führte mich in seine Wohnung. Sie war mit grauem Beton ausgelegt. Im Flur saßen Leute auf einer Bank und schienen auf etwas zu warten. In der schmuddeligen Küche hantierte ein Mann in Uniform mit einem Gerät an einem anderen Mann herum, der zurückgebeugt und festgebunden auf einem Stuhl saß. Der Sitzende stöhnte leise und murmelte vor sich hin als bete er.
Mein Begleiter führte mich in sein Schlafzimmer. Es war schmutzig und klein. Ein schmales Bett stand an der Wand, bezogen mit einem gräulich-weißen, blaugepunkteten Stoff. Er legte mich aufs Bett und zog mir die Kleider aus. Vorsichtig strich er über meine Beine. Erst versanken seine Finger in mir und dann seine ganze Gestalt und es war so wunderbar liebevoll und schön, daß ich glaubte Gott selber hätte seine Arme um mich gelegt. Lange Zeit verbrachten wir in diesem Bett. Immer wieder schliefen wir miteinander und danach fragte er mich, ob ich ihn heiraten wolle. Ich sagte ja. Wir lagen da und blickten auf die Decke über uns. Ich wollte ihn wieder berühren, doch er sagte, das dürften wir nun nicht mehr tun. Dann stand er auf und zeigte mir ein Bild. Auf dem Bild standen Soldaten in grün-roter Uniform in mehreren Reihen halbkreisförmig um einen quadratischen, hellgrauen Steinblock herum. „Ich bin Soldat,“ begann er. „Morgen werde ich zur Prozession gehen. Wir ziehen in den Krieg.“ „Gegen was kämpft ihr?“ fragte ich. „Gegen den Braunen.“ Ich dachte an Bauern mit Forken und Fackeln, Erde im Gesicht und lederne Schurze um den Leib. „Wann wirst Du wiederkommen?“ Er antwortete nicht, sagte nur „Ich muss meiner Pflicht folgen. Die Prozession ist sehr wichtig.“ Nach langem, verbissenem Schweigen, wollte er mich wegbringen. „Ich bring Dich in Sicherheit.“

Wir fuhren zu einem Heim. Hier gab es viele Zimmer und lange Flure. Der Boden und die Wände waren aus kahlem Stein, die wenigen Möbel aus billigem, blassen Holz. Ein paar Mädchen liefen herum, in farblosen Kleidern, die graublonden Haare hochgesteckt. Sie lächelten gefühllos und blickten ohne Augen die Wände an. Eine Frau, die sich von den Mädchen nur durch eine reifere Ausstrahlung unterschied, empfing uns. „Ich werde mich um sie kümmern. Hier ist sie gut aufgehoben,“ sagte sie hastig zu meinem Verlobten und zog mich mit sich. Mein Zimmer sah aus wie sein Schlafzimmer. Ein schmales Bett, dieselbe Bettwäsche, mehr nicht. Die Frau ließ mich allein. Als sie die Tür hinter sich zuzog, meinte ich das Klicken eines Schloß‘ zu hören. Ich legte mich auf das Bett, streckte Arme und Beine von mir. Durch das Fenster fiel gräuliches Tageslicht. Ich sah eine Tanne. Dunkelgrün. Verloren. Mein Blick wanderte zur Decke. Und so lag ich da. So einsam, daß sich die Decke um meinen Körper anfühlte wie kalte Wolken. Wolken, die mich für immer gefangen hielten zwischen Himmel und Erde, regennass, schmutzig-weiß und blaugepunktet, mit Löchern aus denen grinsend die Maden krochen.